Schwarzes Islandpferd grast im Herbstnebel auf einer Weide, Flügelsamen fallen von einem Bergahorn.

Bergahorn an der Koppel: Warum die Flügelsamen jetzt gefährlich werden

Der Bergahorn wirft gerade seine Samen ab, und er muss dazu nicht einmal an deiner Koppel stehen. Seine Flügelsamen segeln mit dem Wind bis zu mehrere hundert Meter weit, über Zaun, Weg und Nachbarfläche. Was im Gras liegt, kann im Pferdemaul landen.

Diese Samen enthalten Hypoglycin A, den Auslöser der atypischen Weidemyopathie. In der Falldatenbank der belgischen und französischen Überwachungsnetze lagen 94 Prozent der Herbstfälle zwischen dem 1. Oktober und dem 31. Dezember. Wir sind also mittendrin.

Warum diese Erkrankung so ernst ist

Jede Muskelzelle hat winzige Kraftwerke, die Mitochondrien. Dort entsteht die Energie für jede Bewegung, und ein wichtiger Brennstoff ist Fett. Besonders die ausdauernden Muskelfasern sind darauf angewiesen: Sie halten das Pferd im Stehen und arbeiten bei jedem Atemzug.

Hypoglycin A ist dabei noch nicht das eigentliche Gift. Erst im Körper des Pferdes entsteht daraus der Stoff MCPA, und dieser Umbau läuft vor allem im Muskel selbst ab. MCPA blockiert die Enzyme, die Fett zerlegen. Fachleute nennen diesen Abbauweg Betaoxidation.

Die Folge lässt sich leicht vorstellen: Der Tank ist voll, aber die Leitung zum Motor ist zu. Das Fett bleibt in den Muskelfasern liegen, den Zellen fehlt die Energie, und sie gehen zugrunde. Diesen Zerfall von Muskelgewebe nennt man Rhabdomyolyse.

Damit werden auch die Symptome verständlich. Betroffen sind vor allem die Muskeln für Haltung und Atmung, deshalb geht das Pferd steif, wird schwächer und kann sich irgendwann nicht mehr auf den Beinen halten. Der Muskelfarbstoff Myoglobin gelangt aus den zerstörten Fasern ins Blut und wird über die Nieren ausgeschieden. Daher kommt der dunkle Urin. Bei einem Teil der Pferde wurden außerdem Veränderungen am Herzmuskel gefunden.

Ein Gegenmittel gibt es nicht. Der Tierarzt kann nur den Körper stützen, etwa mit Infusionen und Vitaminen. Die Sterblichkeit lag in einer Auswertung im Schnitt bei 74 Prozent, je nach Studie zwischen 43 und 97 Prozent. In einer britischen Untersuchung hatten Pferde, die bereits festlagen, deutlich schlechtere Chancen. Deshalb zählen Vorbeugung und jede Stunde beim ersten Verdacht.

Wie viel ein Pferd verträgt, lässt sich nicht vorhersagen. Die Empfindlichkeit ist individuell, und nach Angaben des Landwirtschaftlichen Zentrums Liebegg können je nach Pferd schon 30 bis 40 Samen zu Vergiftungserscheinungen führen.

Auch dem Baum siehst du nicht an, wie viel Gift er enthält. Der Gehalt kann sogar zwischen Samen derselben Traube um bis zu rund 60 Prozent schwanken, und beim selben Baum ändert er sich von Jahr zu Jahr. Standort und Stammumfang gaben in einer britischen Studie keinen Hinweis darauf. Ein Baum, der bisher keine Probleme gemacht hat, ist also kein Beweis für Sicherheit.

Wo ich das Risiko sehe

Als Tierheilpraktiker schaue ich zuerst auf die abgefressene Herbstweide. Wer kaum noch Gras findet, sucht am Boden, und genau da liegen die Samen. Das passt zu den Daten: 64 Prozent der betroffenen Weiden in dieser Auswertung waren kahl oder fast ohne Gras.

Der zweite Blick gilt der Uhr. 97,5 Prozent der erkrankten Pferde standen laut dieser Auswertung mehr als sechs Stunden am Tag auf der Weide.

Und dann ist da der Frost. Viele hoffen, dass er das Problem erledigt. Stimmt nicht: Hypoglycin A blieb in Untersuchungen auch nach mehrfachem Einfrieren und Auftauen unverändert. Kalte Tage sind eher ein Warnsignal, denn Frostphasen und einstellige Temperaturen begünstigen die Erkrankung.

Auch die Samen selbst geben keine Entwarnung. In derselben britischen Studie blieb ihr Giftgehalt beim Reifen stabil, während er in welkenden Blättern sank. Ein besonderes Auge habe ich deshalb auf feuchte Weiden und Stellen mit viel Laub, denn beides war in Studien mit mehr Fällen verbunden.

Junge Pferde erkranken häufiger, doch es kann jedes Alter treffen: In neueren Daten war gut ein Drittel der Fälle jünger als drei Jahre. Auch Pferde, die nicht gearbeitet wurden, und schlanke Pferde fielen in einzelnen Studien häufiger auf. Das sind Muster und keine Erklärung für den Einzelfall.

Erst bestimmen, dann bewerten

Nicht jeder Ahorn ist das Problem. Giftig sind Bergahorn und Eschenahorn. Spitzahorn und Feldahorn gelten als ungiftig. Ein Blick auf Blatt und Flügelsamen bringt dich meist schon weiter.

Baum

Einschätzung

Woran du ihn erkennst

Bergahorn

Giftig

Fünf Lappen, stumpf gesägter Blattrand, Flügel im spitzen Winkel zueinander

Eschenahorn

Giftig

Gefiederte Blätter, die an eine Esche erinnern

Spitzahorn

Gilt als ungiftig

Lange, spitz ausgezogene Blattzipfel, Flügel fast in einer Linie

Feldahorn

Gilt als ungiftig

Kleine, stumpf gelappte Blätter, Flügel fast in einer Linie

Bist du unsicher, lass den Baum bestimmen. Eine Vermutung ist auf der Koppel keine Grundlage.

Was du jetzt tun kannst

Komplett ausschließen lässt sich das Risiko auf Weiden in Reichweite der Bäume nicht. Du kannst es aber deutlich senken.

  • Nachbarflächen mitdenken. Schau nicht nur auf deinen Zaun, sondern auf alles, was im Umkreis steht.
  • Flächen sperren. Liegen viele Samen im Gras, nimm die Pferde von dieser Fläche oder zäune den Bereich großzügig ab.
  • Weidezeit begrenzen. Empfohlen werden in der Risikozeit weniger als sechs Stunden am Tag.
  • Raufutter zufüttern. Biete Heu nicht auf dem Boden und nicht unter den Bäumen an, am besten im Heunetz oder in der Raufe an einem sicheren Platz.
  • Heu prüfen. Das Gift bleibt in Heu und Heulage nachweisbar. Verfüttere nichts von Flächen, die mit Samen oder Keimlingen belastet sind.
  • Tränke im Blick behalten. Hypoglycin A kann aus Samen ins Wasser übergehen, in einer Studie war es nach 48 Stunden nachweisbar. Sauberes Wasser aus der Leitung ist die bessere Wahl als ein Bach unter Bäumen.
  • Mit dem Abschleppen warten. Das Schleppen der Weide und das Ausbringen von Mist waren in Studien mit einem höheren Risiko verbunden.

Auch Mähen oder Spritzen zerstört das Gift nicht. Und der Frühling gehört mit zur Risikozeit: Dann keimen die Samen, und auch die Keimlinge enthalten Hypoglycin A.

Diese Zeichen sind ein Notfall

Halte Ausschau nach steifem Gang, Muskelzittern, Schwäche, Schwitzen und dunkelbraunem Urin. Auch Koliksymptome oder Festliegen kommen vor. Tückisch: Fieber fehlt oft, und viele Pferde fressen weiter, obwohl es ihnen schlecht geht.

Bei diesen Zeichen gilt: nicht abwarten, sofort den Tierarzt rufen. Sag ihm auch, dass Ahorn in der Nähe steht.

Denk dann auch an die anderen Pferde. In einer Studie hatten 97 Prozent der gesund wirkenden Weidekameraden ebenfalls Hypoglycin A im Blut, teils mit ersten Veränderungen im Fettstoffwechsel, aber ohne Symptome. Hol deshalb alle Pferde von dieser Fläche und besprich mit dem Tierarzt, wie du sie überwachst.

Welcher Ahorn steht in Sichtweite eurer Koppel?

Quellen
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