Dysbiose:Wenn das Gleichgewicht auf der Haut kippt

Dysbiose:Wenn das Gleichgewicht auf der Haut kippt

Ein Hautproblem ist selten nur ein Hautproblem. Das klingt erst mal unbequem, denn es nimmt uns die einfache Lösung aus der Hand: die eine Creme, die eine Tube, das eine Mittel, das alles wieder richtet.

In meiner Arbeit als Tierheilpraktiker sehe ich seit über 15 Jahren dasselbe Muster. Ein Pferd hat wiederkehrende Mauke, schuppige Stellen, Juckreiz oder Krusten. Es wird gewaschen, desinfiziert, eingecremt. Es wird kurz besser. Und dann geht alles von vorne los. Der Grund ist oft nicht, dass das falsche Produkt im Spind stand. Der Grund ist, dass auf der Haut ein Gleichgewicht gekippt ist. Und dieses Gleichgewicht hat zwei Baustellen: eine außen und eine innen. Genau darum geht es in diesem Artikel.

Was Dysbiose eigentlich bedeutet. Die Haut deines Pferdes ist kein steriles Organ. Sie ist besiedelt von einer riesigen Gemeinschaft aus Bakterien, Hefen und anderen Mikroorganismen. Wir nennen das Hautmikrobiom. Die allermeisten dieser Bewohner sind keine Gegner. Sie besetzen Platz und Nährstoffe, sie beeinflussen das Hautmilieu und sie stehen im ständigen Austausch mit dem Immunsystem der Haut.

Dazu kommt die Hautbarriere: die oberste Hornschicht mit ihren Hautfetten, die das Pferd vor Wasserverlust und vor Eindringlingen schützt. Mikrobiom und Barriere arbeiten Hand in Hand. Ist die Barriere intakt, bleibt das Mikrobiom stabil. Ist das Mikrobiom vielfältig, unterstützt es eine gesunde Barriere.

Dysbiose heißt nichts anderes als: Dieses Gleichgewicht ist gekippt. Die Vielfalt nimmt ab, einzelne Keime breiten sich überproportional aus, und Erreger, die sonst in Schach gehalten werden, finden plötzlich Platz. Dysbiose ist dabei keine eigene Erkrankung, sondern ein Zustand. Sie kann Folge einer Hauterkrankung sein und sie kann eine bestehende Erkrankung weiter befeuern. Ein Teufelskreis, der sich nicht mit einem einzigen Handgriff auflöst. Und jetzt wird es spannend. Denn was dieses Gleichgewicht kippen lässt, kommt aus zwei Richtungen.

Baustelle außen: was direkt auf der Haut passiert Die erste Baustelle siehst du mit bloßem Auge, wenn du weißt, worauf du achten musst. Hier geht es um alles, was von außen auf die Haut trifft und ihr Milieu verändert.

Nässe ist der Klassiker. Haut, die dauerhaft feucht ist, weicht auf. Die Hornschicht quillt, die Barriere wird durchlässig, und das Mikrobiom verschiebt sich zugunsten von Keimen, die genau dieses feuchtwarme Milieu lieben. Das betrifft nicht nur die Fesselbeuge im Herbst. Auch ständiges Abspritzen der Beine, nasses Langhaar, das tagelang nicht trocknet, oder Schweiß unter einer Decke gehören dazu. Matsch ist dabei nicht der Feind an sich. Der Feind ist die Haut, die nie mehr richtig abtrocknen darf.

Der falsche pH ist die stille Baustelle. Die Haut hat einen eigenen pH Wert, und beim Pferd liegt er deutlich weniger sauer als beim Menschen. Produkte, die für Menschenhaut gemacht sind, passen deshalb nicht automatisch. Jede Pflege, jedes Shampoo, jedes Hausmittel verschiebt dieses Milieu. Und jedes Mikrobiom ist auf ein bestimmtes Milieu eingestellt. Wer ständig daran dreht, bringt die Gemeinschaft durcheinander.

Aggressive Tenside sind waschaktive Substanzen, die Fett sehr gründlich lösen. Das ist beim Abwasch praktisch, auf der Haut aber problematisch. Sie nehmen nicht nur Schmutz mit, sondern auch die Hautfette, die die Barriere zusammenhalten. Häufiges Waschen mit scharfen Tensiden heißt also: Barriere runter, Mikrobiom gestört. Gerade bei Pferden mit empfindlicher Haut ist „viel hilft viel“ beim Waschen ein echtes Eigentor. Dasselbe gilt übrigens für Desinfektionsmittel, die ohne Grund und auf Dauer eingesetzt werden. Sie unterscheiden nicht zwischen gut und schlecht.

Reibung schafft winzige Verletzungen, die du oft gar nicht siehst. Gurtlage, Sattellage, schlecht sitzende Decken, Fliegenmasken, Gamaschen, Halfter. Wo es dauerhaft scheuert, wird die Barriere mechanisch angegriffen. Kommen dann noch Schweiß und Wärme dazu, hast du die perfekte Kombination für ein kippendes Gleichgewicht.

UV Strahlung trifft vor allem unpigmentierte Haut hart: Blessen, weiße Abzeichen, rosa Nasen. Sonnenbrand ist auch beim Pferd real, und gereizte, entzündete Haut ist für das Mikrobiom ein instabiler Lebensraum. Spannend ist hier die Verbindung nach innen, auf die ich gleich noch komme. 

Die gute Nachricht an dieser Baustelle: Hier hast du als Pferdemensch enorm viel selbst in der Hand. Weniger waschen, sanfter waschen, Haut abtrocknen lassen, Ausrüstung prüfen, empfindliche Stellen schützen. Und die Pflege so wählen, dass sie mit dem Hautmikrobiom arbeitet, statt dagegen.

Baustelle innen: was die Haut von innen spiegelt Die zweite Baustelle ist unsichtbar. Und genau deshalb wird sie so oft übersehen. Die Haut ist das größte Organ des Pferdes, und sie zeigt sehr zuverlässig, wenn im Inneren etwas aus dem Lot ist. Wer nur außen arbeitet, behandelt in diesen Fällen das Echo, nicht den Ruf.

Der Darm ist der erste Ort, an den ich denke. Auch im Darm lebt ein Mikrobiom, und beim Pferd ist es mit der Verdauung von Raufutter eng verbunden. Gerät es aus dem Gleichgewicht, etwa durch Futterumstellungen, zu viel Stärke, Antibiotika, Wurmkuren oder Stress, kann das weit über den Bauch hinaus wirken. Beim Menschen ist die Verbindung zwischen Darm und Haut inzwischen gut untersucht. Beim Pferd ist die Forschung jünger, aber die Hinweise gehen in dieselbe Richtung. Aus der Praxis kann ich sagen: Pferde mit wiederkehrenden Hautthemen haben auffallend oft auch eine Vorgeschichte im Verdauungstrakt.

Die Leber ist das große Stoffwechsel und Entgiftungsorgan. Ist sie belastet, kann sich das an der Haut zeigen. Ein sehr eindrückliches Beispiel ist die sogenannte hepatogene Photosensibilisierung: Kann die Leber bestimmte Abbauprodukte aus dem Futter nicht mehr ausreichend verarbeiten, gelangen sie in die Haut und reagieren dort mit Sonnenlicht. Die Folge sind schwere Hautreaktionen, vor allem an unpigmentierten Stellen. Ein typischer Auslöser sind Giftpflanzen wie Jakobskreuzkraut. Hier siehst du, wie eng außen und innen zusammenhängen: Der Sonnenbrand auf der Blesse kann eine Leberfrage sein.

EMS, das Equine Metabolische Syndrom, ist eine Stoffwechselstörung mit Insulindysregulation, oft verbunden mit Übergewicht und regionalen Fettpolstern. Ein solcher Stoffwechsel ist ein Zustand dauerhafter Belastung, und der Körper hat dann weniger Reserven für die Regeneration der Haut. Bei EMS Pferden lohnt es sich deshalb, Hautthemen nie isoliert zu betrachten.

PPID, früher oft Equines Cushing Syndrom genannt, ist eine Erkrankung der Hirnanhangsdrüse beim älteren Pferd. Hier ist der Zusammenhang zur Haut besonders deutlich: verzögerter oder ausbleibender Fellwechsel, langes, lockiges Fell, vermehrtes Schwitzen und eine geschwächte Immunabwehr. Pferde mit PPID neigen zu wiederkehrenden Hautinfektionen und Hautpilz, die schlecht abheilen. Wenn ein älteres Pferd plötzlich ständig Hautbaustellen hat, gehört PPID auf die Liste der Fragen an den Tierarzt.

Stress ist kein weicher Faktor. Dauerhafter Stress verändert den Hormonhaushalt, beeinflusst die Immunabwehr und kann die Regeneration der Hautbarriere verlangsamen. Stallwechsel, Herdenwechsel, Boxenruhe, Transporte, Turniersaison oder eine Herde, in der das Pferd nie zur Ruhe kommt: All das kann sich in der Haut niederschlagen. Bei vielen Pferden ist Stress nicht der Auslöser, aber der Verstärker.

Parasiten stehen genau an der Grenze zwischen innen und außen. Milben wie die Fußräudemilbe, die gerade bei Pferden mit viel Fesselbehang die Beine angreift, Haarlinge und Läuse, Kriebelmücken und Gnitzen. Jeder Stich, jedes Kratzen, jedes Scheuern schädigt die Barriere und öffnet Keimen die Tür. Dazu kommt die Immunantwort selbst, die beim Sommerekzem zum eigentlichen Problem wird. Auch Würmer und ein hoher Parasitendruck im Darm belasten den Organismus insgesamt. Was all diese Punkte verbindet: Kein Produkt der Welt löst eine innere Baustelle von außen. Pflege kann die Haut in dieser Zeit unterstützen und ihr Mikrobiom stabilisieren. Die Ursache aber liegt woanders.

Wo meine Arbeit endet und die des Tierarztes beginnt Ich sage das bewusst so deutlich: Hinter einer Hautveränderung kann vieles stecken. Bakterien, Pilze, Milben, Allergien, Autoimmunerkrankungen, Stoffwechselstörungen oder auch Tumore wie Sarkoide. Von außen sehen viele davon ähnlich aus. Unterscheiden lassen sie sich nur durch Diagnostik. 

Dazu gehören Hautgeschabsel, Abklatschpräparate, Pilzkulturen, Biopsien, Blutuntersuchungen und Stoffwechseltests wie die Bestimmung von ACTH bei Verdacht auf PPID oder Insulintests bei Verdacht auf EMS. Das ist Arbeit für deinen Tierarzt, und zwar bevor du anfängst, Mittel auszuprobieren. Wer erst drei Wochen lang wechselnde Produkte aufträgt, verwischt oft genau die Spuren, die für eine Diagnose wichtig wären. 

Bitte hol dir tierärztliche Hilfe, wenn:

  • die Haut nässt, eitert, stark schwillt oder sich warm anfühlt
  • dein Pferd lahmt, Fieber hat oder sich insgesamt verändert
  • sich eine Stelle trotz guter Pflege nach etwa zwei Wochen nicht bessert oder immer wiederkommt
  • mehrere Pferde im Stall gleichzeitig betroffen sind
  • unpigmentierte Stellen plötzlich stark reagieren, vor allem nach dem Weidegang
  • ein älteres Pferd zusätzlich Fellwechselprobleme zeigt

Mein Platz als Tierheilpraktiker ist daneben, nicht davor. Ich schaue auf das große Bild: Haltung, Fütterung, Pflegeroutine, Stressfaktoren, die Vorgeschichte. Ich helfe dabei, die Baustellen zu sortieren unddie Haut in dieser Zeit sinnvoll zu begleiten. Die Diagnose stellt der Tierarzt. Beides zusammen ist für das Pferd der beste Weg.

Zwei Baustellen, ein Pferd Wenn das Gleichgewicht auf der Haut kippt, lohnt sich der Blick in beide Richtungen. Außen fragst du: Was trifft jeden Tag auf diese Haut, und was davon kann ich weglassen oder sanfter machen? Innen fragst du gemeinsam mit deinem Tierarzt: Was spiegelt diese Haut gerade, und wo liegt der eigentliche Auslöser? Die Haut ist kein Feld, das wir freiräumen müssen. Sie ist ein Ökosystem, das wir dabei unterstützen, sich selbst wieder zu stabilisieren. Das ist der Gedanke, auf dem ich Hestakofi aufgebaut habe: mit dem Hautmikrobiom arbeiten, nicht dagegen.

Jetzt bin ich neugierig auf deine Erfahrung: Bei welchem Hautthema deines Pferdes hast du erst spät gemerkt, dass die eigentliche Baustelle ganz woanders lag?

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